Skifahrer anno dazumal
01 - Oct - 2013

Die Geschichte von Pfarrer Müller

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Von 1891 bis 1896 war Johann Müller Pfarrer in Warth. Damals sah er in einer Zeitschrift, wie man sich in Skandinavien selbst bei größtem Schnee fortbewegte. Der Pfarrer bestellte sich diese Skier, übte heimlich und unternahm bereits wenig später seine erste Skitour von Warth nach Lech. Welche Route er dabei genommen hat, ist nicht überliefert. Wie er seine Geschichte selbst erzählt, lesen Sie hier:

Die Geschichte von Pfarrer Müller

„Von 1891 bis 1896 war ich Pfarrprovisor bzw. Pfarrer in Warth. Ich hielt in dieser Zeit eine Zeitschrift, den „Deutschen Hausschatz“. Dieser brachte im Nachwinter 1894/95 ein Bild, das zeigte, wie man im hohen Norden, in Schweden und Norwegen, im Winter beim größten Schnee mittels Ski sich fortbewegen könne. Unter dem Bilde war angegeben, wo und zu welchem Preise man solche Ski bekommen könne.

Ich dachte mir sofort, das wäre auch für den Tannberg etwas Praktisches, wo es alle Jahre wegen Schneemenge und Lawinengefahr nicht nur Tage, sondern Wochen gab, da kein Mensch die Gemeinde verlassen und keiner in die Gemeinde kommen konnte. Es gab damals in Warth keinen Telegraphen, kein Telefon, geschweige denn das Radio. Ich nahm also eine Postanweisung und schickte die nötigen Gulden nach dem Norden mit der Bitte, mir solche Bretter zu schicken.

Nach zirka vierzehn Tagen brachte mir der Briefbote Jakob Felder vom Postamt Steeg im Lechtal ein Paket, nicht ahnend, was für eine Neuigkeit er mir damit präsentiere. Denn damals hatte ja noch kein Mensch auf Tannbergs Höhen und nur wenig im ganzen Ländle vom Ski gehört, oder gar einen solchen gesehen.

Die Geschichte von Pfarrer Müller

Nun handelte es sich darum, das Skifahren zu erlernen. Vom Bilde konnte ich entnehmen, dass die Brettchen an die Schuhe geschnallt werden und dass man einen großen Bergstock zum Laufen benutze. Einen solchen Bergstock besaß ich wie damals jeder Tourist. Also: Wie tun? Wie lernen?

Ich wartete des Abends, um nicht gesehen und ausgelacht zu werden, bis es dunkel wurde und alle Lichter im Dorfe gelöscht waren. Auch meine Schwester, die Haushälterin, war Schlafen gegangen. Also konnte ich es wagen. Ich schnallte die „Schwedischen“ an meine Schuhe, nahm den langen Stock und versuchte im großen Neuschnee des Pfarrwidums mein Glück.

Doch – da lag ich auch schon mit den Skiern quer auf und mit dem Kopf im Schnee und so immer wieder bis gegen Mitternacht. Mit Mühe gab ich die Versuche auf, hatte die Überzeugung: Noch kannst Du es nicht!

Die Geschichte von Pfarrer Müller

Ich glaubte nämlich, man müsse wie beim Schlittschuhlaufen halb mit dem einen, halb mit dem anderen Fuße vorwärts rutschen, und so kam ich immer wieder zu Fall. Am nächsten Abend versuchte ich es wieder und es ging schon besser. Und so wagte ich denn am nächsten Morgen, noch bevor die Dorfbewohner das erste Lichtlein anzündeten, eine Fahrt nach Lech. Ich kam, abgesehen von ein paar Stürzen, nach 1 ½ Stunden gut hinüber, zu einer Zeit, als mein Nachbar, der Pfarrer von Lech, kaum aus den Federn gekrochen war.

Weil große Lawinengefahr bestand, konnte ich an diesem Tage nicht mehr zurück. Ich blieb in Lech und fuhr am anderen Tag beim Morgengrauen wieder nach Warth, wo die Milchbauern mit der „Bazida“ am Rücken mich mit großer Spannung erwarteten, denn sie hatten die sonderbare schwarze Figur in Richtung Lech gesehen und mich auch bald erkannt. Da gab es große Augen und ein Schauen und Fragen und das einstimmige Urteil war: Das wäre etwas Praktisches für den Tannberg. Denn sie wussten: bei großem Neuschnee wäre es keinem Manne möglich gewesen, nach Lech zu kommen, auch mit Schneereifen nicht.

Ich bin dann noch oft nach Lech gefahren mit meinen „Schwedischen“, auch über die Alpe Luchere nach Hochkrumbach und Schröcken, habe aber die Ski nie zum Sport benützt sondern als praktisches Verkehrsmittel. Wenn es stark aufwärts ging, habe ich die Bretter ausgezogen, auf den Rücken genommen und bin mit Schneereifen gegangen. Wenn es mäßig abwärts ging, habe ich mich niedergelassen und mit dem Stock gebremst. Ging es aber steil abwärts, fuhr ich entweder in Serpentinen mit Spitzkehren, oder ich ging dort, wo der Weg gebahnt war, lieber zu Fuß. Am liebsten fuhr ich nach Lech.

Die Geschichte von Pfarrer Müller

Dass die Ski für den Tannberg ein praktisches Verkehrsmittel sind, hatten die Schulerbuben bald heraus. Sie haben aus Fassdauben Bretteln improvisiert und sind damit gefahren. Vorsteher Walch hat mir vor ca. 12 Jahren gesagt, er könne sich noch gut erinnern, wie ich damals, als er noch ein Schulbub war, auf Skiern nach Lech gekommen sei und dabei immer hohe Stiefel getragen habe. Er und andere Altersgenossen hätten mir das dann mit Fassdauben nachgemacht. Auch Hannes Schneider erzählte, wie er auf diese Art seine ersten Skiversuche gemacht hatte.

Beim Abschied von Warth im Sommer 1896 habe ich die „Schwedischen“ meinem Nachfolger, Pfarrprovisor Peter Paul Matt (gestorben 1899 in Rehmen) hinterlassen. Der hat sie weiter benützt und den jungen Lehrer Wilhelm Huber von Warth (jetzt Schulleiter von Hittisau) in die Geheimnisse der weißen Kunst eingeweiht. Dieser habe dann bei einer Skifahrt in Lechleiten das Bein gebrochen. Über das weitere Schicksal meiner „Bretteln“ ist mir nichts bekannt.“

Mittlerweile ist der wunderbare Film zur Skigebietsverbindung Lech Zürs und Warth-Schröcken online. In umwerfenden Bildern aus den Skigebieten sowie einmaligen Luftaufnahmen erzählt er die spannende Geschichte von Pfarrer Johann Müller und dem Traum einer Verbindung über das Auenfeld. Gleich reinklicken und genießen

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